Seit neun Monaten nun wache ich morgens, fünf Stunden früher als ihr (also hier hätte der Slogan „Wir stehen früher auf“ eher seine Berechtigung) in dem Land auf, in dem auch Menschen im Stau stehen. Das passiert ganz oft in der „Rush Hour“, dem Feierabendverkehr oder wie man das in Deutschland nennen würde, zwischen fünf Uhr und sechs Uhr abends.
In jede noch so kleine Ritze und Lücke schiebt sich ein Motorbike, ein Fahrrad, ein Auto und ich mich auch. Jeder versucht sich seinen Weg durch die voll gestopften Straßen nach Hause, zum Markt oder zur Schule, um die Kinder abzuholen, zu bahnen. Kräfte zehrend ist das. Und auch nicht gut für meine bisher gesunden Atemwege. Jeden Tag gehe oder fahre ich kopfschüttelnd durch die Straßen Hanois und versuche den mysteriösen und fast kollabierenden Verkehr zu verstehen. Ist es ein übersteigertes Selbstbewusstsein, eine andere Wahrnehmung für Gefahren, Leichtsinn oder Unvernunft? Ich weiß es nicht. Was ich aber ganz sicher weiß ist, dass die Tafel mit der Verkehrsstatistik auf der Kim Ma Straße (eine der größten Hauptstraßen Hanois), die die Anzahl der Verkehrsunfälle anzeigt nicht stimmen kann. Gut. Glaubwürdig ist sie nur, weil sie lediglich die zur Anzeige gebrachten Unfälle aufführt. Und so viele werden das nicht sein, regelt man in Vietnam bestimmte Dinge lieber ohne die Polizei.
Vor ein paar Tagen dachte ich darüber nach, wie ich den Daheimgebliebenen Hanoi beschreiben kann. Am besten funktioniert das, wenn ich das, was ich sehe, rieche, schmecke und fühle wiedergebe.
Was ich sehe.
In den meisten Fällen sehe ich recht wenig. Ein Gemisch aus Straßenstaub, Dreck, Smog, Rauch und gelblichem Nebel versperren mir oft die Sicht, vor allem die Weitsicht. Was zwangsläufig zu einer, wie auch immer gearteten, Kurzsichtigkeit führt. Oft scheint Hanoi von einem gelb grauen Schleier umhüllt zu sein, der es gefangen nimmt und nicht so leicht loslassen möchte. Seit November lebe ich gemeinsam mit drei anderen Freiwilligen in einem Neubaugebiet im Süden der Hauptstadt, doch erst vor einer Woche entdeckte ich die Bergketten, die direkt an den Stadtrand anschließen und Hanoi umgeben. An den darauf folgenden Tagen waren sie aufgrund der schlechten Sichtverhältnisse nicht mehr wahrnehmbar, dabei scheinen sie nur wenige hundert Meter weit weg zu sein. In solchen Momenten möchte ich in einen Park fliehen, in dem die Bäume so wachsen, wie es ihnen gefällt, Büsche ihre Blütenpracht zur Schau stellen, wo Vögel zwitschern und die Luft keine Farbe hat. Parks gibt es hier, insgesamt zwei große Parkanlagen, deren Genuss kostenpflichtig ist. Und dann wird man nicht mit einer blühenden Flora belohnt, sondern mit einbetonierten Pflanzen, die eigentlich auch keine Lust haben dort zu wachsen, das verraten mir ihre hängenden Köpfe. Die Affen in den Käfigen hängen, das Aushängeschild des Botanischen Gartens in Hanoi, lungern lethargisch in einer Ecke und scheinen wenig Lust zu verspüren auf den Ästen rumzuklettern. Da fällt mir ein, dass ich kein Grün sehen kann, weil es im Wortschatz der Vietnamesen kein Wort für Grün gibt. Es gibt Blau. Blau, wie die Haut des Himmels, der die Sonne umgibt und blau wie die Blätter an den Bäumen.
Im Park sehe ich viele junge Pärchen, die ihre Zweisamkeit genießen und das auch offen zur Schau stellen. Bieten ihre Wohnungen und Häuser, die sie mit der gesamten Familie teilen müssen, keinerlei Privatsphäre. Da ist ein Park in der Mitte Hanois viel privater.
Hier ist es so, wie es in einer Großstadt, die in einem Entwicklungsland zu explodieren scheint, nun mal ist: Hochhäuser neben Wellblechhütten; bettelnde alte Frauen vor großen internationalen Banken; Zigarettenverkäufer vor der Lungenklinik; BMWs neben Fahrradrikschas (Cyclo genannt); Frauen mit manikürten Fingernägeln neben Frauen mit konischen Reishüten; Kinder, die sich ihr Zimmer mit Haustieren teilen müssen; kein sauberes Wasser, weder aus dem Wasserhahn noch aus den Kanistern; Menschen, die nach höherem Streben aber schnell und tief fallen; Müll neben Garküchen; Menschen, die einem westlichen Schönheitsideal (und nicht nur dem) entsprechen möchten und ihre Augenlider operieren lassen und Menschen, die in einem Land leben, das von Wasser umgeben und auch durchzogen ist, aber aufgrund mangelnder Schwimmfähigkeiten, zehn Meter vor der Küste ertrinken. Manchmal beobachte ich wie gelähmt das Treiben auf der Straße und habe das Gefühl, dass hier jeden Augenblick was losbricht, ausbricht, einbricht oder weg bricht. Die Stadt steht kurz vor dem Kollaps. Und keiner unternimmt etwas.
Hanoi versinkt buchstäblich im Dreck. Er landet auf der Straße und nicht in einem Mülleimer, die hier eher knapp verstreut sind. Eltern bringen ihren Kindern bei, mit dem Müll in der kleinen Hand auf die Straße zu gehen und ihn zwei Meter vom Haus entfernt abzulegen. Mehrmals täglich laden, die scheinbar unsichtbaren „Müllfrauen“, den gesamten Unrat in ihre Container, die sie per Hand durch die Stadt schieben müssen. In Restaurants landen benutzte Servietten und Zahnstocher auf dem Boden, mit der Begründung, dass die Angestellten für deren Entsorgung zuständig seien und nicht die Gäste. Hausmüll wird gemeinsam mit Industrieabfällen und Krankenhausmüll offen auf der Straße verbrannt. Über die gefährlichen Gase, die dabei entstehen möchte ich gar nicht nachdenken.
6,8 Millionen Einwohner hat Hanoi. Und an manchen Tagen habe ich das Gefühl, dass sie alle mit mir im Bus sind, oder auf dem Markt oder auch auf dem Weg in meine Wohnung am Stadtrand. Mir kommt es vor als wären alle permanent auf der Straße. Aber das stimmt nicht ganz. Während der Mittagszeit zwischen 11: 30 und 14:30 Uhr essen und schlafen die meisten. Dann wird es gespenstisch ruhig auf den Straßen. In der Zeit sollte man auch nicht auf die Idee kommen einkaufen zu wollen, denn auch die Marktfrauen bestehen auf ihren Mittagsschlaf.
Wenn diese 6,8 Millionen Hanoier nicht gerade auf ihren Motorbikes unterwegs sind, oder zum wiederholten Male den Dreck aus dem Geschäft auf die Straße fegen oder die Kinder in den Rinnstein pinkeln und anschließend den kleinen Hunden auf der Straße hinter jagen, dann kann Hanoi in der Hektik etwas sehr Ruhiges haben. Denn die meiste Zeit sitzt man auf sehr kleinen, harten und für europäische Hintern unbequemen Plastikhöckern auf der Straße schlürft laut grünen Tee und bohrt mit dem Zahnstocher im Mund. Alte Männer rauchen gemeinsam Tabak in riesigen Pfeifen und die alten Frauen sorgen sich um ihre Enkelkinder. In Vietnam dürfen Familien nur ein bis zwei Kinder haben, eine Empfehlung der Regierung.
Eigentlich ist das gesamte Leben hier langsam. Aber das Langsame und Ruhige erschließt sich einem erst nach sehr langer Zeit und vor allem abseits der vom Tourismus beeinflussten Gegenden der Stadt. An den Tagen, an denen ich in der Lage bin, genau das wahrzunehmen, mag ich Hanoi.
Ich sehe Häuser, die Zeugen der Kolonialisierung sind. Einiges erinnert an Frankreich und wiederum anderes an China. Und dann frage ich mich, was daran ist vietnamesisch? Sind es die schmalen Hauseingänge, die vielen Etagen und die eigenartigen Längen des Raumes? Es gibt sogar Gitter vor den Fenstern und ich frage mich, wovor Bauherr und Architekt Angst haben.
Was ich höre.
Hupen. Hupen. Hupen. Nichts als ein aggressives lautes dröhnendes Hupen. Das Geräusch ist ein treuer Begleiter durch den Alltag Hanois. Es ist ein Wecker, ein Warnsignal, ein Ausdruck von Macht und Hinweis auf die Nachtruhe. Anfangs dachte ich, ich könne mich an den Klang der Stadt gewöhnen, aber das kann ich nicht. Dazu ist er zu laut, zu unnötig und zu gemein. Manchmal frage ich mich, ob die Menschen hier mit einem angeborenen Zwang die Hupe zu betätigen zur Welt gekommen sind.
Ein anderer Gefährte durch das Leben hier ist seit einigen Wochen ein mahnendes Donnern, Krachen und Blitzen. Fast jeden Tag zieht ein heftiges Gewitter, begleitet von strömenden Regen und abkühlenden Winden, über unsere staunenden Köpfe hinweg. Noch nie habe ich so ein lautes Donnern und ein grelles Blitzen beobachtet, wie hier. Dabei ist es nicht beängstigend, sondern einfach nur schön. Das Donnern erinnert an einen mahnend erhobenen Zeigefinger und der Blitz an ein Zischen zwischen den Zähnen. Gewitter haben was Reinigendes. Und das wird dringend benötigt.
Ich nehme auch das sympathische Schmatzen, Schlürfen, Rülpsen und Rotzen auf den Straßen und in Garküchen wahr. Wenn es schmeckt, soll man es auch zeigen. Ich rate dringend davon ab, stets und ständig an den Knigge zu denken. Dieser fügt sich wunderbar in unsere westliche Lebenswelt ein, in der man nur im Stillen genießen darf, aber nicht hier nach Asien, wo man sein Gegenüber am Genuss seines Essens teilhaben lassen darf. Ich mag es, obwohl ich noch immer sehr leise bin.
Weniger angenehm, aber nicht minder geräuschvoll, ist die neue Errungenschaft unseres Nachbarn: Eine Karaokemaschine. Zur Freude des Mieters und zu unserem Leid, funktioniert sie schon seit längerem tadellos. Sie „meckert“ gar nicht rum, selbst wenn sie von morgens bis abends in Betrieb ist. Sie ist laut. Sie betont in erster Linie Bässe. Und sie ist gnadenlos. Gnadenlos deshalb, weil seit einiger Zeit der Sohn unserer anderen Nachbarn jetzt das Klavierspielen erlernen soll und sich nicht so recht gegen die Maschine im Stockwerk über uns durchsetzen will. Schade eigentlich. Die Momente, die still sind, sind rar. Die Kinder fahren mit ihrem Rad kreischend den Großmüttern davon, die sie mit Reisgrütze füttern möchten. Händler auf dem Fahrrad preisen ihre Waren mittels eines Mikrofons an. Lautsprecher, angebracht an Straßenlaternen, verkünden Nachrichten der vietnamesischen Regierung. Und dann sind da noch Zikaden, die alle zwei Stunden ihre Anwesenheit verkünden. Diese kleinen Insekten erzeugen ein Geräusch, das an das Zirpen von Grillen erinnert, nur ist es viel lauter. Die Kinder Vietnams freuen sich jedes Jahr darüber, läuten diese kleinen Tierchen den Sommer und somit die dreimonatige Sommerpause ein.
Mein Einkauf auf dem Markt wird stets von „Tay! Tay!“ Rufen untermalt, was so viel heißt wie „Westler“. Am Anfang verstand ich nie, was damit gemeint sein könnte, sehe ich doch wahrlich nicht aus, wie eine Thailänderin. Ein Nachschlag in meinem „Kulturschock Vietnam“ klärte mich dann auf. Seitdem ich die Bedeutung des Wortes kenne, frage ich mich, ob man in Vietnam endgültig angekommen ist, wenn man kein „Tay“ mehr ist?
Was ich rieche.
Die Fähigkeit gut riechen zu können, ist nicht immer von Vorteil. Gerade in der Sommerzeit melden die Rezeptoren in der Nase Gerüche, für die ich gerne unempfänglich wäre. Die Schweinehälften auf den Motorbikes, Fische, die aus ihrem Gefängnis auf dem Markt ausbrechen möchten, Obst und Gemüse, das zu lange in der Sonne lag und an dem kleine Tierchen entlang krabbeln, Abgase – das alles ist der Geruch Hanois. Auf der „Pho Hue“ Straße befindet sich ein großer Markt, auf dem alles was kriecht, schwimmt, fliegt, geht und springt verkauft wird. Dieser stellt für mich die größte olfaktorische Herausforderung dar. Dreimal habe ich bisher den Versuch unternommen, den Markt zu überqueren, kein einziges Mal ist es mir gelungen.
Neben den Gerüchen, die von Lebensmitteln verbreitet werden, liegt vor allem Rauch in jeder Form in der Luft: Zigarettenrauch, Abgase oder auch Rauch der entsteht, wenn Abfälle verbrannt werden. Zigarettenrauch verfolgt einen bis in die kleinsten Winkel. In Krankenhäusern, in Kindergärten, in Schulen, in Bussen, Cafés und Restaurants. Er ist allgegenwärtig, der glühende Glimmstengel. Vor ein paar Wochen saß ich mit Freunden im Restaurant. Einer von ihnen steckte sich eine Zigarette an, obwohl einige von uns noch aßen, als ich ihn bat zu warten, sagte er zu mir: „Was geht dich das an, wann und wo ich rauche?“. Ja, das Gefühl habe ich oft, wen geht hier eigentlich was an? Es ist keine Seltenheit zwölfjährige Jungen rauchend auf der Straße zu sehen, oder Männer, die neben dem Krankenhausbett ihres Kindes rauchen, oder Verkäufer, die vor der Klinik Zigaretten verkaufen, aber niemand scheint sich darüber aufzuregen. Wahrscheinlich denken sich die meisten, was geht mich das an?
An den meisten Tagen fällt mir das Atmen schwer. Zur Zeit wird in unserer Wohngegend Reis geerntet und die Reste der Pflanzen, für die man nach der Ernte keine Verwendung mehr findet, werden verbrannt. Dieser Rauch hüllt am Abend alles in ein erstickendes Grau.
Was ich spüre.
Sonne und Regen auf meiner Haut. Stets im Wechsel.
Die verhüllten Menschen neben mir schützen sich vor den Strahlen der Sonne durch lange Kleidung. Bisher konnte ich mich nicht überwinden, es ihnen gleich zu tun, weil die Vorstellung im Sommer lange Hosen und lange Oberteile zu tragen, für mich absurd ist.
In Europa fahren wir, gerade zu hungrig nach Sonnenstrahlen, der Sonne entgegen, während hier das genaue Gegenteil geschieht. In den Sommermonaten vermeidet man es so gut es geht, das Haus zwischen 11:00 Uhr vormittags und 17:00 Uhr am späten Nachmittag, zu verlassen. Das gelingt mir nur bedingt, da ich am Nachmittag oft unterrichte und für meine Schüler keine andere Zeit in Frage kommt. Ein Junge sagte mir, es sei ihm egal, wo er seinen Urlaub verbringt, Hauptsache die Sonne würde dort nicht scheinen.
Ich spüre auch an manchen Tagen einen Schmerz im rechten Handgelenk. Dieser wird verursacht durch das ständige Betätigen meiner Bremse am Fahrrad, die ich oft bis zum Letzten ausreizen muss. In Vietnam läuft die Zeit der Grün – oder Rotphasen an den Ampeln rückwärts. Ich habe schon oft beobachtet, wie die letzten Sekunden entweder genutzt werden, um die Ampel schnell zu passieren oder zum abrupten Abbremsen, und das zehn Meter vor der eigentlichen Markierung auf der Fahrbahn. Grund dafür sind die wenigen schattigen Plätze vor der Ampel, die zum Warten lieber genutzt werden als die sonnigen direkt vor der Ampel. Da mir das fremd war, hätte das schon einige Male einen Zusammenstoß verursacht.
Ich spüre Schweiß und Staub auf meiner Haut. Ich spüre die Hand einer Frau auf meinem Kopf, die meine Haare berührt. Ich spüre die Hand einer Frau in meinem Nacken, da sie im Bus den Haltegriff nicht fassen kann, sondern nur meinen Hals. Ich spüre noch immer die Blicke der Menschen, die mit einem Ausländer in ihrer Wohngegend nicht viel anfangen können. Ich spüre, dass ich wie gewohnt wie ein Fremder durch Hanoi fahre.
Mir ist bewusst, dass ich in dem Jahr in Vietnam lediglich die Oberfläche dessen, was es zu begreifen gibt, streifen werde. Das so häufig zitierte Eintauchen in eine andere Kultur beansprucht viel mehr Zeit, Geduld und Energie. An manchen Tagen mangelt es mir daran.
Laura Schrader